Sie platzte in das Abteil mit der explodierenden Wucht und Schönheit eines Tropenregens. “Guten Morgen!” krähte sie auf dem schmalen Grat zwischen “glockenhell” und “grell”. Der gemütliche Bayer an der Tür schreckte auf. Wäre es 19 Uhr und er wieder Zuhause, ihm wäre die Bierflasche auf den PVC-Boden gefallen. So ascht er sich nur ein wenig auf die Hose. Sie setzt sich gegenüber. Kerzengerade, eine Wollmütze hält die dunklen Haare, doch nichts hält die flinken Augen.
Der Mann im Anzug schreckt auf. In 40 Minuten sollte er in München sein, nichts Besonderes, ein paar Termine, Routine. Danach ein Weissbier in Bahnhofsnähe, vielleicht eine Bekanntschaft und wieder nach Hause. Sie hat ihn geweckt mit ihrem schrillen Gruß. Er grinst sie an, fasziniert, neugierig. Der Azubi schreckt nicht auf. Bei dem Tabak, nach dem er noch riecht, kein Wunder. Vielleicht weiß er gar nicht, dass er im ICE sitzt.
“Reisende nach München erreichen trotz unserer Verspätung folgende Anschlüsse”, schnarrt es über die Bordlautsprecher, “den Intercity nach Budapest über Wien, Salzburg…” Ihre Blicke treffen sich. “Budapest, das wäre gut”, sagt er leise und sie lächelt laut. “Außerdem erreichen sie”, schnarrt es unbeirrt weiter, “den Intercity nach Rom über Mailand, …”. Er lacht leise und sie ruft ein helles “Rom ist noch besser!” Es ist dieser Tonfall, den Kinder haben, wenn ihnen nach vielen Versuchen endlich gelingt, eine Fliege zu fangen.
Sie schaut ihn ruhig an und er beginnt zu erzählen: “Mein Opa ging einmal an den Bahnhof, um eine Zeitung zu kaufen. Da wurde der Zug nach Mailand ausgerufen und er stieg ein.” – “Wie lange ist er denn geblieben?” – “Ein paar Tage nur. Dann fuhr er wieder nach Hause.”
“Ich wollte auch einmal spontan nach New York fliegen”, beginnt sie und er bemerkt ihren leichten Akzent. “Doch erst in New York am Flughafen haben sie gemerkt, dass ich kein Visum habe. Da musste ich sofort wieder zurück.” Sie hat die Aufmerksamkeit des ganzen Abteils. Wären sie in einer Kathedrale, Betende hätten aufgehorcht und der Organist sich auf seiner Bank ihnen zugewendet. “Dann war ich wieder in München und kannte mich gar nicht aus. Ich musste zum türkischen Konsulat und wusste nicht, wo das ist.
Da bin ich mit dem Taxi in die ‘Türkenstraße’ gefahren. Ich dachte, in der Türkenstraße gibt es bestimmt viele Türken. Und weißt Du was? Kein Türkei weit und breit. Aber es war nett dort, ich bin eine ganze Woche geblieben.”
Er lacht, denkt “fahr mit mir nach Rom”.
“Ich habe dann das Konsulat gefunden und bin nach New York geflogen. Und weißt Du was? Alles voller Türken!”, lacht sie. “Ich war sieben Monate dort. das sollte ich mal wieder machen. Aber ich war noch nie in Spanien.”
Mittlerweile hatte der Zug München erreicht und rollte so unaufhörlich dem Bahnsteig entgegen wie die erfrischende Konversation ihrem jähen Ende. “Warst Du schon einmal in Spanien?” fragt sie den Mann im Anzug, als sie schon im Korridor stehen. Ihrer beiden gute Laune, die aus dem Abteil schwappt, irritiert die matten Pendler auf dem Gang. “Nein, noch nie. Ich war viel in Italien”. – “Auch schön, aber warum warst Du dann nie in Spanien?” – “Die Italiener mögen die Spanier nicht.” – “Dann mach’s gut”.
Bildquelle: Photocase.de, cleeo





ich liebe Geschichten ohne happy-end!
ziemlich abgedreht, einfach mal nach new york zu fliegen und dann wieder zurück. ich habe den letzten Satz allerdings nicht verstanden. war er Italiener?